EDITO 25
Traditionen zum 1. Mai
Von Louis Perez y Cid
Jedes Frühjahr kehrt der 1. Mai mit seinen althergebrachten Ritualen zurück.
Auf den Straßen werden Maiglöckchen ausgetauscht, Prozessionen veranstaltet und Parolen wiederholt. Offiziell ist es der Tag der Arbeit. Doch bei genauerem Hinsehen ist diese offensichtliche Tatsache relativ neu, fast oberflächlich.
Denn bevor der 1. Mai zum Protesttag wurde, war er ein Fest.
Ein Fest der Erneuerung, in erster Linie.
Im alten Europa wurde dieser Tag als Versprechen gefeiert: das Versprechen des wiederkehrenden Frühlings, des neu erblühenden Landes, der sich öffnenden Herzen. Maibäume wurden vor den Häusern gepflanzt, wie stille Bekenntnisse. Blumen wurden verschenkt. Liebe und Natur wurden unter einem Himmel besungen, der noch immer von einer heiligen Aura erfüllt war.
Die Kirche selbst verband die Figur des heiligen Josef, des einfachen Handwerkers, mit dieser Tradition und erinnerte uns daran, dass Arbeit nicht in erster Linie ein Kampf, sondern ein menschlicher Zustand war, eingebunden in eine größere Ordnung.
Dann kam der Bruch.
Mit dem 19. Jahrhundert veränderte sich der Rhythmus der Welt. Die Maschine gab den Takt vor, der Arbeiter rückte ins Zentrum, und mit ihm der Protest.
Der 1. Mai nahm eine dramatische Wendung.
1886 endete in Chicago ein Streik für den Achtstundentag in einem Blutbad. Das Datum wurde symbolträchtig. 1889 erklärten Sozialisten es zum internationalen Mobilisierungstag. In Frankreich verlieh das Massaker von Fourmies 1891 dem Tag eine neue Bedeutung.
Von da an war der 1. Mai kein Fest mehr, sondern ein Machtkampf.
Das 20. Jahrhundert institutionalisierte diese Wandlung nur noch.
Ironischerweise war es das Vichy-Regime, das den Tag 1941 offiziell anerkannte, bevor die Republik ihn 1947 endgültig verankerte. Doch hinter der offiziellen Anerkennung hat sich der ursprüngliche Geist gewandelt. Das Fest ist zur Plattform geworden. Das Symbol zum Werkzeug.
Das Maiglöckchen bleibt. Unauffällig, fast deplatziert zwischen den Transparenten, überdauert es wie ein stummer Zeuge. Es erinnert uns daran, dass es vor den Parolen Blumen gab. Vor dem Kampf gab es Verbundenheit. Vor dem Widerstand gab es Feierlichkeiten.
Vielleicht offenbart die aktuelle Debatte um die Abschaffung des 1. Mai als Feiertag genau dies. Nicht nur eine wirtschaftliche oder soziale Frage, sondern eine tiefere: Was tun wir mit unserem Erbe?
Denn eine Zivilisation geht nicht einfach verloren, wenn sie ihre Kämpfe vergisst. Sie geht auch verloren, wenn sie nicht mehr weiß, was sie feiert, und manchmal genügt ein Maiglöckchenzweig, den wir unseren Lieben schenken, um uns daran zu erinnern.