Naher Osten 3/3
Warum die Grenzen im Nahen Osten trotz eines Jahrhunderts voller Kriege standgehalten haben
Von Louis Perez y Cid
Viele glauben, der Nahe Osten sei chaotisch, doch sie vergessen eine wesentliche Tatsache: Die Grenzen haben sich bemerkenswert gut gehalten.
Viele glauben, der Nahe Osten sei chaotisch, doch sie vergessen eine wesentliche Tatsache: Die Grenzen haben sich bemerkenswert gut gehalten.
Das Paradoxon
Der Nahe Osten wird oft als Land permanenter Spaltungen dargestellt. Kriege, Revolutionen, Staatsstreiche, ausländische Interventionen.
Seit einem Jahrhundert scheint die Region in ständiger Bewegung zu sein. Und doch bleibt eine Tatsache bestehen:
Die Grenzen haben sich kaum verändert.
Die nach dem Fall des Osmanischen Reiches gezogenen Grenzen, oft kritisiert und umstritten, bestehen größtenteils noch immer.
Ein Jahrhundert voller Krisen hat nicht ausgereicht, sie auszulöschen.
Das ist das Paradoxon des Nahen Ostens: Alles ist in Bewegung, nur die Grenzen nicht.
Seit einem Jahrhundert scheint die Region in ständiger Bewegung zu sein. Und doch bleibt eine Tatsache bestehen:
Die Grenzen haben sich kaum verändert.
Die nach dem Fall des Osmanischen Reiches gezogenen Grenzen, oft kritisiert und umstritten, bestehen größtenteils noch immer.
Ein Jahrhundert voller Krisen hat nicht ausgereicht, sie auszulöschen.
Das ist das Paradoxon des Nahen Ostens: Alles ist in Bewegung, nur die Grenzen nicht.
Grenzen von Anfang an umstritten
Nach dem Ersten Weltkrieg zogen die europäischen Mächte die Grenzen der Region neu.
Das Sykes-Picot-Abkommen und das darauffolgende Mandatssystem führten zur Entstehung neuer Staaten: Irak, Syrien, Libanon und Jordanien. Diese Grenzen wurden von Anfang an kritisiert.
Sie entsprachen weder den Stammesstrukturen noch den religiösen Gleichgewichten noch den politischen Bestrebungen vieler Bevölkerungsgruppen. Sie wurden als künstlich wahrgenommen.
Und dennoch sollten sie Bestand haben.
Das Sykes-Picot-Abkommen und das darauffolgende Mandatssystem führten zur Entstehung neuer Staaten: Irak, Syrien, Libanon und Jordanien. Diese Grenzen wurden von Anfang an kritisiert.
Sie entsprachen weder den Stammesstrukturen noch den religiösen Gleichgewichten noch den politischen Bestrebungen vieler Bevölkerungsgruppen. Sie wurden als künstlich wahrgenommen.
Und dennoch sollten sie Bestand haben.
Die Stärke der Staaten
Eine Erklärung liegt in der Natur der entstehenden Staaten selbst.
Selbst fragil, selbst umstritten, entwickelten sie sich rasch zu konkreten politischen Realitäten: Verwaltungen, Armeen, Hauptstädte und nationale Interessen.
Im Laufe der Zeit verfestigten sich diese Strukturen.
Eine Grenzänderung bedeutet nicht einfach nur das Verschieben einer Linie auf einer Karte. Sie bedeutet, einen gesamten Staatsapparat in Frage zu stellen. Und das hat seinen Preis.
Selbst fragil, selbst umstritten, entwickelten sie sich rasch zu konkreten politischen Realitäten: Verwaltungen, Armeen, Hauptstädte und nationale Interessen.
Im Laufe der Zeit verfestigten sich diese Strukturen.
Eine Grenzänderung bedeutet nicht einfach nur das Verschieben einer Linie auf einer Karte. Sie bedeutet, einen gesamten Staatsapparat in Frage zu stellen. Und das hat seinen Preis.
Die internationale Verriegelung
Eine zweite Erklärung ist externer Natur. Nach 1945 erfuhr das internationale System mit der Gründung der Vereinten Nationen tiefgreifende Veränderungen.
Ein Prinzip setzt sich allmählich durch: die Unverletzlichkeit ererbter Grenzen.
Selbst unvollkommen, selbst umstritten, gelten sie als das kleinere Übel im Vergleich zu dem Chaos, das ihre weitverbreitete Infragestellung auslösen würde.
Die Großmächte, ob die Vereinigten Staaten oder die Sowjetunion, haben oft die Stabilisierung bestehender Staaten der Neuziehung der Landkarte vorgezogen.
Ein Prinzip setzt sich allmählich durch: die Unverletzlichkeit ererbter Grenzen.
Selbst unvollkommen, selbst umstritten, gelten sie als das kleinere Übel im Vergleich zu dem Chaos, das ihre weitverbreitete Infragestellung auslösen würde.
Die Großmächte, ob die Vereinigten Staaten oder die Sowjetunion, haben oft die Stabilisierung bestehender Staaten der Neuziehung der Landkarte vorgezogen.
Die Angst vor dem Vakuum
Ein dritter Grund ist gewichtiger.
Grenzen neu zu ziehen ist wie die Büchse der Pandora zu öffnen.
Denn wenn eine Grenze in Frage gestellt wird, warum nicht auch die anderen?
In einer Region mit vielfältigen Identitäten – religiösen, ethnischen und Stammeszugehörigkeiten – birgt jede territoriale Veränderung das Risiko, eine Kettenreaktion von Ansprüchen auszulösen.
Lieber eine unvollkommene Ordnung als völlige Unsicherheit.
Anders gesagt: Grenzen bestehen auch deshalb, weil niemand wirklich weiß, womit man sie ersetzen soll.
Risse ohne Bruch
Das bedeutet nicht, dass Grenzen unveränderlich sind. Sie werden umstritten, überschritten und manchmal ignoriert. Im Irak und in Syrien schienen während der Expansion des Islamischen Staates einige Grenzen sogar zu verschwinden.
Doch diese Herausforderungen sind nur vorübergehend. Die Grenzen tauchen schließlich wieder auf.
Als wären sie trotz allem widerstandsfähiger als die Regime, die sie besetzen.
Grenzen neu zu ziehen ist wie die Büchse der Pandora zu öffnen.
Denn wenn eine Grenze in Frage gestellt wird, warum nicht auch die anderen?
In einer Region mit vielfältigen Identitäten – religiösen, ethnischen und Stammeszugehörigkeiten – birgt jede territoriale Veränderung das Risiko, eine Kettenreaktion von Ansprüchen auszulösen.
Lieber eine unvollkommene Ordnung als völlige Unsicherheit.
Anders gesagt: Grenzen bestehen auch deshalb, weil niemand wirklich weiß, womit man sie ersetzen soll.
Risse ohne Bruch
Das bedeutet nicht, dass Grenzen unveränderlich sind. Sie werden umstritten, überschritten und manchmal ignoriert. Im Irak und in Syrien schienen während der Expansion des Islamischen Staates einige Grenzen sogar zu verschwinden.
Doch diese Herausforderungen sind nur vorübergehend. Die Grenzen tauchen schließlich wieder auf.
Als wären sie trotz allem widerstandsfähiger als die Regime, die sie besetzen.
Die Illusion der Bewegung
Der Nahe Osten erweckt den Eindruck permanenter Unordnung. Doch diese Unordnung ist oft intern: Bürgerkriege, politische Rivalitäten und konfessionelle Auseinandersetzungen. Staaten wanken. Regime stürzen. Gesellschaften verändern sich.
Doch die territorialen Strukturen bleiben bestehen.
Die Stärke unsichtbarer Linien
Die Grenzen des Nahen Ostens wurden im Kontext von Herrschaft und strategischen Kalkulationen gezogen. Sie waren von Anfang an umstritten. Sie sind nach wie vor unvollkommen.
Und dennoch halten sie.
Weil sie politische Realität geworden sind. Weil das internationale System sie schützt und weil ihre Infragestellung noch größere Unsicherheiten schaffen würde.
Ein Jahrhundert später sind sie immer noch da.
Und vielleicht ist dies eine weitere Lehre der Geschichte: Es sind nicht immer die gerechtesten Grenzen, die Bestand haben, sondern jene, die niemand mehr wirklich infrage zu stellen wagt.
Doch die territorialen Strukturen bleiben bestehen.
Die Stärke unsichtbarer Linien
Die Grenzen des Nahen Ostens wurden im Kontext von Herrschaft und strategischen Kalkulationen gezogen. Sie waren von Anfang an umstritten. Sie sind nach wie vor unvollkommen.
Und dennoch halten sie.
Weil sie politische Realität geworden sind. Weil das internationale System sie schützt und weil ihre Infragestellung noch größere Unsicherheiten schaffen würde.
Ein Jahrhundert später sind sie immer noch da.
Und vielleicht ist dies eine weitere Lehre der Geschichte: Es sind nicht immer die gerechtesten Grenzen, die Bestand haben, sondern jene, die niemand mehr wirklich infrage zu stellen wagt.
Die Rückkehr der Grenzen in Europa
Lange Zeit betrachteten die Europäer die Grenzen des Nahen Ostens als fragile Linien, Überbleibsel einer anderen Zeit, hastig gezogen von untergegangenen Imperien. Umstrittene Grenzen, debattiert, manchmal ignoriert. Grenzen, die als künstlich galten.
Doch in den letzten Jahren ist die Frage auch in Europa wieder aufgekommen. Mit dem Krieg in der Ukraine ist das, was als selbstverständlich galt – die Stabilität der Grenzen – nicht mehr völlig sicher. Territoriale Konflikte, die man in andere Regionen der Welt verbannt glaubte, flammen im Herzen des Kontinents wieder auf. Wie beispielsweise in Grönland.
Hinter diesem Konflikt tritt eine einfache Wahrheit wieder zutage: Grenzen bestehen nie von selbst. Sie halten nur durch ein Gleichgewicht zusammen politische, militärische und diplomatische Unterstützung bildet die Grundlage dieser Beziehungen.
Wenn diese Stabilität ins Wanken gerät, werden die Grenzen erneut zur Debatte gestellt.
Was der Nahe Osten seit einem Jahrhundert demonstriert, entdeckt Europa heute neu: Grenzen, selbst unvollkommene, sind nicht einfach nur Linien. Sie sind Kompromisse.
Und wenn die Gleichgewichte, die sie stützen, zerbrechen, verlieren Grenzen ihre Selbstverständlichkeit und werden wieder zu dem, was sie immer waren: menschliche Entscheidungen und daher fragil.
Doch in den letzten Jahren ist die Frage auch in Europa wieder aufgekommen. Mit dem Krieg in der Ukraine ist das, was als selbstverständlich galt – die Stabilität der Grenzen – nicht mehr völlig sicher. Territoriale Konflikte, die man in andere Regionen der Welt verbannt glaubte, flammen im Herzen des Kontinents wieder auf. Wie beispielsweise in Grönland.
Hinter diesem Konflikt tritt eine einfache Wahrheit wieder zutage: Grenzen bestehen nie von selbst. Sie halten nur durch ein Gleichgewicht zusammen politische, militärische und diplomatische Unterstützung bildet die Grundlage dieser Beziehungen.
Wenn diese Stabilität ins Wanken gerät, werden die Grenzen erneut zur Debatte gestellt.
Was der Nahe Osten seit einem Jahrhundert demonstriert, entdeckt Europa heute neu: Grenzen, selbst unvollkommene, sind nicht einfach nur Linien. Sie sind Kompromisse.
Und wenn die Gleichgewichte, die sie stützen, zerbrechen, verlieren Grenzen ihre Selbstverständlichkeit und werden wieder zu dem, was sie immer waren: menschliche Entscheidungen und daher fragil.